Ina Lenz
Ina Lenz
INA LENZ
INA LENZ

        

         Digitalmalerei

         Atrographie

         Ölmalerei

 

 

 

Kunst ist das komprimierte Einfangen des Lebensgefühls von Menschen eines Kulturkreises in einer durch elektromagnetische Wellen von den Sinnen erfassbaren Form.

Der Mensch mit seinem kulturellen Selbstverständnis fühlt sich gespiegelt in Kunstwerken, Kunst berührt die Seele seiner zivilisatorischen Existenz.

 

Interpretieren Kunstwerke politische Verhältnisse bildgebend oder ist die Suche der Lebenden nach dem Sinn des Daseins, also einem übergeordneten Lebensgefühl einer Zeit einen bildhaften Ausdruck zu verleihen, Kunst?

Das zwanzigste und die Anfänge des einundzwanzigsten Jahrhunderts wurden geprägt durch eine Auflösung sozialistischer Regime und durch die rasante Entwicklung des Virtuellen, mit der Digitalisierung von Daten und dem Internet.

So könnte man annehmen, die analoge Welt steuere die digitalisierte1, doch die größere Beeinflussung erfolgt über das digitalisiert gespeicherte Wissen, dessen Nutzung und Benutzung im analogen Alltag.Jeder Mensch lebt in der analogen Welt. Das Handeln, Essen, Trinken, Sexualität findet in diesem realen Analogen statt, doch die Dokumentation, Steuerung, Planung dieser Tätigkeiten wurde in den letzten zwanzig Jahren von der digitalisierten im Internet und auf Festplatten gespeicherten Ebene übernommen. 

 

 

Es entstand neben der wahrnehmbaren Realität der nur erahnbare virtuelle Raum.

 

Jeder hinterlässt in dieser nicht sichtbaren Welt gespeicherte Spuren oder spätestens bei einem Krankenhausbesuch oder Lebensmitteleinkauf ist er Teil des Virtuellen.

Die Ängste, die es bei einigen verursacht, sind begründet. Man kann Daten manipulieren, löschen, auslesen, verkaufen u.s.w., doch man kann sich dieser unsichtbaren Welt kaum mehr verweigern, da weniges in unserer Zivilisation manuell nur noch auf Papier bearbeitet wird.

Die Ängste vor und die leidenschaftliche Nutzung des Virtuellen, z.B. mit dem Smartphone, bestimmen unser Lebensgefühl. Man findet aber auch in der Kunst eine große Ablehnung gegen diese neue digitale Dimension.

 

 

Das analoge Tafelbild und die Analogfotografie

 

Vor mehr als einhundertundfünfzig Jahren wurde die Fotografie, heute Analogfotografie genannt, erfunden und löste eine heftig geführte Diskussion aus, ob das Foto ein Kunstwerk sein könne.

Seit dieser Zeit nutzen Künstler Fotos als Vorlage und Inspiration für ihre Werke. Die Impressionisten mussten sich Spott anhören, da sie Bilder auch nach fotografischen Vorlagen gemalt hatten. Später machten sich die Künstler Andy Warhol und Roy Lichtenstein 
darüber lustig, indem sie Bilder mit Malen nach Zahlen schufen, also das flächige Übertragen, Verändern und Ausmalen eines Fotos auf ein Tafelbild. 

Es ist allgemeine Praxis geworden, Fotos als Grundlage für Kunstwerke zu benutzen, obwohl es meist nicht angesprochen wird. Die analoge Realität wird ebenfalls analog zweidimensional oder dreidimensional mit Abwandlungen, Abstraktionen, metapherhafter Ausdeutung übertragen. 

Der Prozess vom Auge über den Intellekt, das Gefühl, den Nervenbahnen bis hin zum ausführenden Organ der Hand ist ein sehr sensibler, störanfälliger Ablauf. Das kann jeder Künstler bestätigen. Das Gelingen von dem in der Vorstellung existierenden oder gewünschten Bild in der Umsetzung ist tagesabhängig oder vom Augenblick bestimmt. Man trifft alle gewünschten Farbtöne perfekt, ein paar Sekunden später liegt man mit jeder Wahl oder Stelle auf dem Tafelbild falsch.

Betrachtet man diesen künstlerischen Entstehungsprozess eines Tafelbildes, gemalt mit Öl-, Acrylfarben oder anderen Mitteln mit einem Analogfoto, offenbaren sich die Unterschiede.

Künstler arbeiten in der Gegenwart mit ihren Kenntnissen und Erfahrungen aus der Vergangenheit für eine Präsentation in der Zukunft. 

Ein Fotograf agiert grundsätzlich gleich, doch der Entstehungsprozess unterliegt einer anderen zeitlichen Abfolge. 

Der Künstler kontrolliert mit kritischer Wahrnehmung jeden Arbeitsschritt genau und passt diesen seinen Vorstellungen an. Es dauert manchmal Jahre bis er ein Ölbild vollendet. Von der Planung bis zum letzten Pinselstrich muss er sich unendlich oft entscheiden welche Farbe, welchen Ansatz, welchen Ausdruck er beabsichtigt. Das Analogfoto als Vorlage ändert an diesem Prozess wenig, es unterstützt die Wahrnehmung und die Überlegungen.

Der Fotograf dagegen ist mit einer analogen Realität konfrontiert, er muss warten bis die Vorlage seinen Vorstellungen entspricht, also Licht, Schatten, Motiv u.s.w. stimmen, selbst wenn er in einer Sekunde das perfekte Bild sieht, kann, bis der Befehl von den Nerven geleitet,
bei dem Finger ankommt, der Auslöser gedrückt wird und der Apparat reagiert, ein vollkommen anderes Foto durch die sich ständig verändernde Realität eingefangen werden. Der Prozess der Entstehung unterliegt stärker dem Zufall als bei einem Tafelbild. Meist ist die Sekunde des gewünschten Abbildes der eigenen Vorstellung schon vergangen, ehe das Auge und das Gehirn es erkennt und den Apparat zwingt, es zu fixieren. Hinzukommen die Einstellungen des Fotoapparates, die meist eine ungewollte Beeinflussung des Ergebnisses erzeugen.

Das bedeutet, man kann den künstlerischen Prozess von einem Tafelbild und einem Analogfoto nicht vergleichen. 

Sie unterliegen zudem vollkommen unterschiedlichen Wahrnehmungsstrukturen des Betrachters. Fotos bildeten schon immer meist Menschen ab. Die Sehgewohnheiten suchen im Foto nach Wiedererkennung. Man hört dann, „Das sieht aus wie...“, sagen. 

Ein Tafelbild gleich aus welchem Jahrhundert setzt die Fantasie in Gang, man fühlt sich in das Gesehene ein, das Wissen des Betrachters zaubert Fakten hervor, die helfen sollen, die Aura des Bildes zu ergründen.

 

 

Digitale Bilderwelt

 

Diese Voraussetzungen für ein analoges Tafelbild und ein Analogfoto werden in der digitalen Bilderwelt zusammengeführt.

Der Künstler kann zum ersten Mal seine kreativen Entscheidungen zeitlich rückwärts und vorwärts verändern und die Unpässlichkeiten von einer falschen Farbwahl oder eines nicht stimmigen Ausdrucks, einer nicht gewollten Perspektive korrigieren. Die digitalisierte Kunstwelt ermöglicht die Zeit, die sich jeder Fotograf wünscht und die Ausdrucksvielfalt, die jeder Künstler sucht. Ein Bild, das im Computer entworfen wird, unterliegt einem ähnlichen Prozess wie es die Entstehung eines Ölbildes verlangt2. Die Wahl der Farben, Einstellungen, Gestaltungsmöglichkeiten kann jeder Überlegung und Zielrichtung folgen und sich zu einem in der Vorstellung existierenden Bild in einem langen Auswahlverfahren anpassen.

Das Argument, es würden für ein digitalisiertes Kunstwerk vorprogrammierte käuflich zu erwerbende Systeme benutzt, erscheint hinfällig, da kein Künstler seine Pinsel, Farben, Materialien und Werkzeuge selbst herstellt, sondern im Internet bestellt.

 

Die Kunst ist tief in dem menschlichen Wunsch verankert, die Sterblichkeit zu überwinden, die Zeit anzuhalten oder zu dokumentieren, nachfolgende Generationen erhalten einen Beweis ihrer kulturellen Vergangenheit. Ein Kunstwerk wird für die Zukunft geschaffen, um die Vergänglichkeit unseres Daseins auf der Welt zu überwinden und eine kulturelle oder zivilisatorische Grundeinstellung überdauern zu lassen. In diesem Sinne entsteht das Tafelbild3 in der Theorie nur bedingt zweck- und zielgerichtet für einen Gebrauch, sondern dokumentiert das Lebensgefühl einer Zeit in verdichteter Form. Das künstlerische Schaffen ist grundsätzlich unkonventionell.

Im Gegensatz zum Analogfoto, dass ausbleicht oder dem Film, der die Erzählung einer Geschichte nur in der Bewegung der Bilder präsentiert oder der Musik, die auch nur in der Sekunde des Hörens existiert, symbolisiert das Tafelbild eine Zeit, sofern Licht auf die Oberfläche fällt. Die heutige Zeit wird geprägt durch die Digitalisierung und Speicherung der Daten.

 

 

Kultwert und Ausstellungswert von Kunstwerken

 

Hegel unterteilte in seinen Vorlesungen über Ästhetik den Wert eines Kunstwerkes in den Kultwert und den Ausstellungswert. Er argumentiert und Walter Benjamin führt dies weiter aus, dass die Institution Kirche als Träger des Kultwertes, des Rituals und Auftraggeber für die „schöne Kunst“4 überflüssig sei. Die Ersatzreligion sei politisch orientiertes Denken und Handeln, also im heutigen Verständnis die Ideologie des Sozialismus und Kommunismus. Sie solle für die Masse der Proletarier die Funktion der Institution Kirche in der Kunst übernehmen. Jedes Kunstwerk, das heute nicht politische Inhalte gegenwarts- oder vergangenheitsbezogen beinhaltet, wird von den Sozialisten, mit dieser Theorie begründet, negiert.

So basiert der Kultwert einer Installation der Konzeptkunst bis heute auf diesen Ideen. Sozialisten sehen nur in einer primär belehrenden und politisch erziehenden Installation die Kriterien für Kunst erfüllt5. Der Staat wird als Idee allem übergeordnet. Kunst muss ein politischer Ideenträger sein.

Diese Annahme schließt jede Auseinandersetzung mit der Ästhetik als Grundlage der Kunst aus. Indem Hegel den Anspruch auf Schönheit und Ästhetik in der Kunst, wie sie von der Institution Kirche über Jahrhunderte praktiziert wurde, als Instrument zur Verdummung 
gesehen hat, nimmt Walter Benjamin im Umkehrschluss an, dass für die Proletarier keine Schönheit und Ästhetik gewollt sein sollte. Die Konzeptkunst basiert bis heute auf diesen theoretischen Meinungen, sie stellt Gegenstände mit einer auf die Vergangenheit ausgerichteten politisch überfrachteten Ideologie in oftmals jede Ästhetik negierenden Art dar. Die Installationen können in der Formgebung sich nur auf Dinge aus der Vergangenheit beziehen und verdeutlichen virtuell das Vergehen oder die Abwandlungen der sozialistischen Idee. Die vergänglichen Installationen komprimieren das sozialistisch geprägte Lebensgefühl vieler Menschen. Die Konzeptkunst spiegelt damit deutlich das europäische Lebensgefühl der vom Sozialismus überzeugten Kunstbetrachter6.

Es gibt so in der europäischen Kunstszene eine Spaltung, die den gesellschaftlichen Verhältnissen entspricht. Einerseits, die die Ästhetik negierende, vergangenheitsbezogene, auf dem Politischen basierende Konzeptkunst, die primär dem Kultwert7 eines Kunstwerkes entspricht und andererseits Kunstwerke, die vorwiegend auf dem Ausstellungswert als einzigem Maßstab basieren.

Der Ausstellungswert wird über marktwirtschaftlich-demokratische Mechanismen ermittelt. Der Preis, der bei Versteigerungen erzielt wird, bestimmt den Markt- und Kultstatus eines Künstlers und seiner Werke. Der Ausstellungswert basiert auf Netzwerkarbeit und rein betriebswirtschaftlichen Überlegungen aller Beteiligten. Als Beispiele lassen sich Gerhard Richter, Jeff Koons, Anselm Reyle, Franz West, Franz Ackermann u.s.w. anführen. 

Diese jeweils einseitigen Betrachtungsweisen werden in der digitalisierten Kunst vereint. Der Kult- und der Ausstellungswert bedingen einander im Virtuellen.

 

 

Ästhetik und Schönheit

 

Jahrtausende war die Lehre der Ästhetik und der Schönheit (Kallistik) das Hauptanliegen der Kunst8.

Man kann davon ausgehen, dass es ein Grundbedürfnis aller Lebewesen ist, Kriterien einer Schönheit zu folgen, um die Fortpflanzung, das Weitergeben der Gene, des Wissens und damit die Unsterblichkeit in der nächsten Generation zu gewährleisten. 

Da heute jeder Künstler Zugriff auf die digitalisierten Gestaltungsmöglichkeiten hat, kann ein starker Konkurrenzkampf zu einer neuen Betrachtungsweise für die Maßstäbe von Schönheit führen und die Kriterien für Ästhetik in der Kunst in unserem Jahrhundert umreißen9. Die unendliche Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten durch Programmierungen oder Gestaltungsprogramme ermöglicht neue Sichtweisen und eine neue Formensprache. 

Vilem Flusser schreibt, dass in der virtuellen Welt nicht mehr wahr oder falsch entscheidend seien, sondern nur noch die Schönheit10.

Der kreative Prozess ist in seinen Möglichkeiten unendlich geworden, so dass nur noch die eigene Vision, der virtuell schöpferische Prozess im Kopf des Künstlers und seine Vorstellung von Schönheit, ausschlaggebend sei. (Theorien, wonach alles Kunst sei oder der schöpferische Prozess die wirkliche Kunst ausmache, können Teil dieses Findungsprozesses sein.)

Die Fragestellung, ob das Kunstwerk primär durch die politische Überzeugung oder von der Suche nach Sinn oder Schönheit bestimmt wird, stellt sich so in der digitalisierten Kunst nicht mehr, da im virtuellen Raum alle Bereiche zusammengeführt werden. Jeder Mensch ist ein politisch Geprägter, seine Handlungen sind durch eine politische Meinungsbildung beeinflusst, dementsprechend wird die Suche nach Schönheit im kreativen Schaffensprozess geleitet. 

Die Transzendantale Ästhetik von Emanuel Kant sieht die sinnliche Wahrnehmung als Voraussetzung für jeden Schaffensprozess, das bedeutet, bevor der Künstler sich bewusst für etwas entscheidet und denkt, muss es ihm rein subjektiv gefallen haben. Dieser erste Kontakt mit etwas kann, sowohl das Gefallen betreffen, wie auch die Ablehnung, also im Umkehrschluss auch durch Nichtgefallen wirken. Die Freiheit der digitalen Welt, mit den unendlichen Variationen der Bildersprache vorwärts und rückwirkend den künstlerischen Schaffensprozess zu bestimmen, ermöglicht eine bisher nicht gekannte Suche nach Ausdruck einer Schönheit in der Darstellung11.

Jenes Kunstwerk setzt sich durch, dass das Lebensgefühl der Zeit komprimiert, für viele Menschen nachempfindbar, mit seiner Aura sich unvergesslich in das kulturelle Gedächtnis eingräbt und damit den Kultwert und die betriebswirtschaftlichen Kriterien des Ausstellungswertes erfüllt12.

 

 

Das Auflösen der Form

 

Alle Kunstwerke finden ihren Ursprung in analogen Vorbildern, werden in der Virtualität entworfen und in der analogen Realität umgesetzt.

Die analoge Form ist Voraussetzung, sowohl für das Tafelbild, die Installation, das Foto oder den Film. Sie bedürfen einer Vorlage, um etwas auszudrücken. Die Formensprache in der Kunst spiegelt das jeweilige Kunstverständnis13, 14.

Analoge Dinge oder Wesen, also deren äußere Form, unterliegen einer in den Jahrhunderten sich ständig wandelnden Darstellung und Verständnis in der Kunst. Diese individuelle Sichtweise, die Umsetzung einer speziellen Wahrnehmung eines Künstlers, dessen Interpretation in einem Kunstwerk und wiederum die Wiedererkennung des Gegenstandes in dem Werk durch den Betrachter und Abgleich mit dessen Erfahrungswerten bestimmen die Kunstwerke. Es begegnen sich in der Betrachtung eines Werkes zwei virtuelle Vorstellungen, die des Künstlers und die des Betrachters15, 16

Gleichbleibend bezieht sich die Wahrnehmung von Dingen auf das Selbstverständnis des Individuums zu seiner semipermeablen Oberfläche, der eigenen Haut, dem eigenen Körper und die Erfahrungen durch die Sinne17.

Betrachtet man heute das allgemeine Verhältnis zu der eigenen Körperlichkeit mit Piercings, individuellen Tattoos, dem Yoga- und Fitnessglauben oder Umweltschutz erschließt sich die Komplexität der Durchlässigkeit von Oberflächen und der sensible Umgang mit Stoffen und Dingen. Radioaktivität, chemische Verbindungen in Nahrungsmitteln und deren Auswirkungen, Strahlung jeder Art führten zu einem neuen Wahrnehmen. 

Form bezeichnet in unserem Jahrhundert eher den inneren Zustand eines Menschen, nicht mehr nur den äußeren. Die Gesundheit, die körperliche Verfassung, die Fitness, die Bereitschaft zu Leistung wird u.a. damit umschrieben.

Die virtuelle Wahrnehmung der eigenen Gestalt im Verhältnis zu anderen Menschen mit Facebook, Twitter, SMS, E-Mails lassen das Verständnis von der semipermeablen eigenen Hülle mit dem Erscheinungsbild im Netz verschmelzen und sich im Kontext zu den Anderen auflösen. Man nimmt sich über deren Reaktion wahr und urteilt in diesem Sinne über sich selbst. Der Begriff Form hat seine Aussagekraft über die äußere optisch wahrnehmbare Gestalt schon lange verloren und löst sich auf in der transzendenten Existenz einer virtuellen Vorstellung.

Die Offenlegung der Gewohnheiten, Vorlieben, zurückgelegten Wege, gespeichert durch die Einwahlpunkte der Handys, unser Kaufverhalten durch Online-Kassensysteme und Kreditkarten ablesbar, was wir wahrnehmen durch Suchmaschinen, MMS, Fotos, Facebook u.s.w. belegbar, kurz aller Dinge, die über die äußere und innere Form eines Menschen ein Bild abgeben, werden gespeichert und können einen viel komplexeren Eindruck von dem psychischen wie physischen Zustand des Menschen abgeben als es jemals analoge Systeme konnten. 

Hinzukommt, dass die Körperlichkeit der Steigerung des subjektiven Lebensgefühls dient, indem man mit Sport, Leistungen, Drogen, Äußerlichkeiten, Tattoos u.s.w. die Einmaligkeit der eigenen Person unterstreicht, dazu gehört auch das Gefühl der eigenen Bedeutung für Geheimdienste und globale Firmen. Die Daten des Einzelnen sind wichtig für andere und damit wird die eigene Person, trotz Milliarden von Menschen auf der Welt, scheinbar wahrgenommen und online als wertvoll abgespeichert. Die Manipulierbarkeit erscheint gegenüber dieser Schmeichelei des Selbstwertgefühls durch Global Player und Nachrichtendienste für die meisten User nachrangig. Der Mensch definiert sich nicht mehr vorrangig über seine äußere Erscheinungsform, sondern zunehmend durch die online zur Schau gestellte virtuelle und seiner individuellen Einstellung zu dieser18.

So ist die Form eines abzubildenen Menschen oder Gegenstandes mit der jeweils virtuellen Dimension untrennbar verbunden. Das rein optisch Wahrnehmbare hat seine alleinige Aussagekraft verloren.

 

 

Das Auflösen der optischen Oberflächen

 

Die Produktion von Dingen ist in Europa strikten Sicherheitskriterien unterworfen. Man kann in den Supermärkten in Europa kaum noch unkontrollierte Waren kaufen, sondern Nährwerte, Zusammensetzungen und Inhalt. Die Waren müssen mit diversen Vermerken über Inhaltsstoffe, Ursprungsland, Herstellungsdatum, Verfallsdatum u.s.w. gekennzeichnet werden. Die äußere Form wird in die einzelnen Bestandteile des Inhalts zerlegt.

Man erwirbt kein Ei von achtundfünfzig Gramm, sondern 5,9 Gramm Fett, 38,7 Gramm Wasser, 5,9 Gramm Eiweiß, 0,4 Gramm Kohlenhydrate, 206 mg Cholesterin, diverse Vitamine und Mineralstoffe, die Schale wird als äußere Form nicht aufgezählt. Ein Brot ist kein einheitliches Lebensmittel, sondern eine Mischung aus Inhaltsstoffen. Das Verständnis - nach Skandalen über Verunreinigung mit Dioxin in Eiern (2012 und 2013) oder Beimischung von Glykol in Wein (1985), Anilin in Olivenöl (1981) - von dem äußeren Erscheinungsbild von Waren unterliegt einem Bewusstseinswandel. Die Oberflächen der Formen sagen weniger über die Dinge aus, als das virtuelle Bewusstsein von den Dingen. Der Inhalt wird zerlegt, die Form wird aufgelöst, das Wissen von den Dingen durchdringt die Öberflächen.

Der virtuelle Glaube, dass Bioprodukte gesund seien, das Leben verlängern, vor Verunreinigung schützen, der Natur dienen, spiegelt sich in den Supermärkten und den Trendentwicklungen wie zum Beispiel der veganen Lebensweise. Die Überzeugungen von der Abhängigkeit und das Eingebundensein aller Lebewesen in die Abläufe auf der Erde, der sensible Austausch von Sauerstoff, Stickstoff und allen anderen Gasen auf die Gesundheit geben den äußeren Erscheinungsformen keine zwingende Bedeutung. Die virtuelle Vorstellung, das eigene Schicksal könnte mit den Dingen verknüpft sein, bildet ein nicht rational belegbares Lebensgefühl. 

Der Glaube an das Gute in der Natur, die Vorstellung in Harmonie mit der Umwelt leben zu können, korrespondiert mit dem virtuellen Wunsch nach einer selbstbestimmten und vernunftgeleiteten Existenz. Die entkörperlichte aufgelöste Formensprache wird Bildgegenstand19. Dieses neue Lebensgefühl und das veränderte Formverständnis bilden ein Bewusstsein, das bei jeder Handlung mitschwingt und aus sich heraus einen Kultwert hat20, 21. In der Folge ist die Auflösung des analogen Raums bestimmt von der eigenen und fremdgesteuerten virtuellen Kontrollebene. 

 

Die Welt ist vermessen klein und eng geworden, aber sie erweitert sich im virtuellen Cyberspace und in der Unendlichkeit des Weltalls.

 

Die geschlossenen sichtbaren Oberflächen von Menschen und Dingen verschmelzen mit den gespeicherten Daten im Netz zu einem Gesamtbild, das man heute unter der Form eines Menschen oder eines Gegenstandes zusammenfassen kann. Es führt zu einem neuen Verständnis, einer Transparenz und Bloßlegung geschlossener Oberflächen.

Die Abstraktion in der Kunst interpretiert weglassend von der Form, weist analogen Dingen Metaphern zu. Die hier angesprochene visualisierte Auflösung in der künstlerischen Darstellung bezeichnet die virtuelle Existenz. In jedem visuell schöpferischen Prozess werden Formen und Farben nebeneinander und zueinander gesetzt, sie bauen eine Korrelation auf. Es entwickelt sich dadurch eine dem Werk eigene Ästhetik. Es bildet sich eine virtuelle Vorstellung von den Dingen und darauf aufbauend eine neue nachhaltig wirkende Bildersprache mit einer eigenen ästhetischen Ausdruckskraft, die eine Formensprache inklusive der chemischen und physikalischen Eigenschaften erschaffen kann22.

 

 

Der virtuelle Kultwert der digitalen Kunst

 

Wie schon ausgeführt, ist das Bestreben der Menschheit, die Vergänglichkeit zu überwinden, groß. Jeder Kulturkreis hat andere Vorstellungen und Rituale, allen gemein ist die Hoffnung auf ein gutes Schicksal. Dieses Bestreben ist ein Traum, der dazu verleitet, nicht in der Gegenwart zu leben, sondern auf eine Zukunft zu hoffen. 

Wissenschaftler haben mit Tests bewiesen, dass Menschen von der Zukunft immer nur Gutes erwarten. Dem menschlichen Gehirn gelingt es nur sehr mühsam, für die Zukunft schlechte Voraussagen zu treffen, und wenn diese formuliert werden, sind sie selten realistisch23.

Das bedeutet, das Virtuelle kommt dem menschlichen Denken sehr entgegen. In ihm ist das Wunschdenken, die Hoffnung, die Suche nach Schönheit, die Vorstellung von Ästhetik verankert, es beinhaltet aber auch die Angst, die Furcht, den Blick auf das Dramatische im Dasein. 

Jeder hat diese virtuellen Wünsche und Befürchtungen, die Farbintensität und Kontraststärke dieser Traumbilder ist unterschiedlich. Der Bescheidenere hat sicher schwächere Wunschvorstellungen als jemand der von Gier gesteuert wird. Im Umkehrschluss sind der Neid, der in sozialen Netzwerken erzeugt werden soll und die voyeuristische Ebene des Internets auch Teil dieses Kultwertes.

Die virtuellen Assoziationen, die Kunstwerke hervorzaubern, entsprechen diesem Traum- und Wunschdenken und sind individuell geprägt. 

Der virtuelle Kultwert eines digitalen Kunstwerkes offenbart sich in diesem Einfangen, Komprimieren und Umsetzen des neuen ganzheitlicheren Denkens unserer Zeit.

 

 

Der analoge Ausstellungswert der digitalen Kunst 

 

Das Zentrum des Ausstellungswertes ist eine Ästhetik als Grundlage der Kunst. Jeder Künstler hat einen individuellen Ausdruck und ein Verfahren zur Findung seiner Kunst. Bilder, die sich im Virtuellen befinden, müssen, um sie dauerhaft betrachten zu können, in das Analoge übertragen werden. Online-Präsentationen sind möglich, weisen aber Schwierigkeiten auf, da sie auf einer Stromversorgung beruhen.

Digital entstandene Kunst zeichnet sich durch eine leichtere Oberflächenstruktur aus. Die Farbintensität übertrifft die mit Öl oder Leim versetzen Pigmente, die Auftragsschicht erreicht eine Lumineszenz und einen hohen Kontrast, was unseren Online-Sehgewohnheiten entgegenkommt, aber auch ungewohnt ist. 

Galeristen beklagen oft in Interviews, dass die jüngeren Generationen keinen Sinn für den Kauf von Kunstwerken hätten. Wer nach 1970 geboren wurde, wuchs mit der digitalen Bilderwelt auf. Sie wurde in ihrer Jugend parallel zu der Entwicklung der Spielekonsolen und sozialen Netzwerken geschaffen. Diese virtuellen Bilder entsprechen ihrem Denken und Fühlen ebenso wie die neue Vielschichtigkeit der Kommunikationsebenen. 

Kunst sucht den Hauch der Dramatik des Seins, die virtuelle Vorstellung eines möglichen Schicksals. Das digitale Kunstwerk sollte dieses neue Lebensgefühl verdichtet darstellen.

 
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